«Freiheit gibt es nicht stückweise»

«Freiheit gibt es nicht stückweise»

Am 7. Januar 2015 gab es ein Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» in Paris. Die Gesellschaft regierte mit enormer Solidarität und die Diskussion über das freie Wort wurde entfacht.


Die «Bodensee Nachrichten» sprachen mit Marco Ratschiller, Chefredaktor des Satiremagazins «Nebelspalter» darüber, wie weit Satire gehen darf und wie wichtig es ist, die Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ratschiller erzählt, wie er als Satiriker auf die Meldung reagiert hat, dass acht Berufskollegen auf diese Art und Weise ums Leben gekommen sind. Der Nebelspalter ist das älteste noch bestehende Satiremagazin der Welt und hat vor allem im Zweiten Weltkrieg grosse Bekanntheit erlangt. Ratschiller arbeitet seit zehn Jahren für den Nebelspalter. 

Die drängendste Frage zuerst: Was darf Satire?

Marco Ratschiller: Satire soll grundsätzlich alles dürfen, aber nicht zu jedem Zeitpunkt alles müssen. Ein Grund dafür ist aus unserer Sicht, dass Satire nicht nur einen Absender, sondern auch einen Empfänger hat. Diesen muss man als Satiriker kennen. Kurt Tucholsky sagte: «Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist.» Ein Satiriker möchte etwas verändern. So bedient er sich dem Humor, um die Leute dafür zu interessieren. Letztlich ist der Humor das Transportmittel, um auf Missstände aufmerksam zu machen und Menschen zum Nachdenken anzuregen. Dabei sollte Satire den Empfänger nicht verärgern. Klar hat jeder eine andere Auffassung von Humor wir kennen den unserer Leserinnen und Leser inzwischen. Charlie Hebdo hatte ein anderes Zielpublikum. Verspottung ist eine wichtige Wurzel der Satire. Satire ist heutzutage aber vielschichtiger geworden. Der Nebelspalter setzt sich nur dann satirisch mit Religion auseinander, wenn es gesellschaftspolitisch relevant ist.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Attentat auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» erfahren haben?

Als ich die Meldung gelesen habe, brauchte es eine Weile, bis mir überhaupt das Ausmass dessen klar wurde, was gerade in Paris passiert war. Ich kannte niemanden von Charlie Hebdo und dennoch war ich schockiert. Die Bedrohung auf die Redaktion war nicht neu es gab 2011 bereits einen Brandanschlag und der Chefredaktor Stéphane Charbonnier stand seither unter Polizeischutz. Aufgrund der religionskritischen Karikaturen erhielt die Redaktion immer wieder massive Drohungen. Nun ist es passiert in einem Ausmass, das ich nicht erwartet hätte.

Ist es auch für Sie ein direkter Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit der demokratischen Welt?

Ganz klar! Es ist sehr berührend, zu sehen, wie breit die Solidarität nach den Anschlägen ist. Man kann zwar sagen, es betrifft insofern nicht den gesamten Berufsstand, da nicht alle befürchten müssen, je von so etwas betroffen zu sein. Aber Freiheit gibt es nicht stückweise. Wenn sie beginnt, einzubrechen, weil Menschen nicht mehr mit Kritik zurechtkommen, müssen wir aufpassen, dass wir im Journalismus nicht plötzlich auf jede Empfindlichkeit Rücksicht nehmen müssen. Es kann überall passieren, dass gekränkte Leute anstatt mit Worten mit Waffen angreifen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten bei jedem Thema überlegen, wie Sie es allen recht machen in jedem Bereich kann man Leute verärgern. Das soll aber kritischen Journalismus nicht verhindern.

Viele Zeitungen und Magazine haben die Mohamed-Karikaturen von Charlie Hebdo abgedruckt. Sie haben sich dagegen entschieden.

Es passt nicht ins Konzept des Nebelspalters. Wir werden die Geschehnisse in der neuen Ausgabe thematisieren, aber keine dieser Karikaturen abdrucken. Der Fokus war in den vergangenen Tagen stark auf uns gelenkt, weil die Medien sich fragen, was andere Satiremagazine machen. Wir haben einiges an Kritik eingesteckt und wurden teilweise als Feiglinge abgestempelt, da wir uns gegen den Abdruck der Mohamed-Karikaturen von Charlie Hebdo entschieden haben. Dabei haben wir schon vor Jahren dargelegt, warum wir das nicht tun. Es gibt Tausende andere satirische Wege, um sich mit Islamismus auseinanderzusetzen.

Stimmen werden laut, dass Charlie Hebdo zu weit gegangen ist. Was sagen Sie dazu?

Das sehe ich nicht so. In der Schweiz und in Europa muss es gefahrenlos erlaubt sein, die Arbeit so zu tun, wie man es für richtig hält mit Einhaltung der jeweiligen Landesrechte. Charlie Hebdo hat kein Recht verletzt. Und meiner Meinung nach hat der Leserkreis von Charlie Hebdo genau das von der Redaktion erwartet und geschätzt, sonst hätten sie es nicht gekauft. Was ich mir überlegen würde, ist, ob ich trotz Drohungen all diejenigen gefährden will, die mit mir arbeiten, nur um die Linie des Magazins weiter durchzuziehen. Es ist wichtig, sich nicht einschüchtern zu lassen, aber ich würde abwägen, was die Konsequenzen sind. Es ist verdient dennoch Anerkennung, im Namen der Pressefreiheit weiterzumachen.

Hatten Sie in Ihrer Tätigkeit je mit Drohungen zu kämpfen?

Ja, aber nicht mit Gewaltandrohungen. Unser Kolumnist, Andreas Thiel, hat ebenso mit Bedrohungen zu kämpfen dies aber weniger wegen der Kolumnen im Nebelspalter, sondern wegen seines Artikels in der «Weltwoche».

Sollten Sie aufgrund Ihrer Tätigkeit mit dem Leben bedroht werden: Würden Sie weitermachen oder aufhören?

Das könnte ich heute nicht sagen. Es käme auf die Umstände an und darauf, weswegen ich bedroht werden würde. Sollte ein Fehler vorliegen, müsste man die Konsequenzen ziehen. Es ist schwierig zu sagen, wie man im Falle einer Morddrohung reagieren würde.

Denken Sie, die Geschehnisse haben Auswirkungen auf die Satire und den Journalismus?

Ich denke nicht. Das starke Signal, welches mit den spontanen Gedenkmärschen in verschiedenen Ländern und Städten gesetzt wurde, gibt mir ein gutes Gefühl. Es wurde mit der bedrohten Presse- und Meinungsfreiheit eine Diskussion angeregt, die bisher nicht geführt wurde. Man sah an den Märschen allerdings auch Leute, welche die Pressefreiheit wie auch das freie Wort stets mit Füssen getreten haben. Das ist heuchlerisch. Unsere Gesellschaft hat nun zur Aufgabe, dieses Thema nicht einfach wieder zu vergessen wie es oft geschieht sondern gemeinsam für dieses Recht einzustehen.

Gewisse Gruppierungen wie die Pegida nutzen die Ereignisse in Paris schon dafür, gegen Einwanderung und Ausländer zu hetzen. Wie gefährlich kann das werden?

Ich bin der Meinung, dass eine Demokratie so stark sein muss, dass beispielsweise eine Bewegung wie Pegida nicht ausgegrenzt werden soll. Man muss ernst nehmen, wenn es Leute gibt, die diese Bewegung unterstützen. Da sind alle anderen Parteien, Journalisten und diejenigen, die sich damit nicht identifizieren können, gefragt, dagegenzuhalten. Die Öffentlichkeit sollte es ernst nehmen und in ihrem Ermessen darauf reagieren. Wenn man etwas mundtot macht, besteht die Gefahr, dass es sich stärker ausbreitet und radikalisiert.

 

Publikation: Bodensee Nachrichten