«Stillstand bedeutet Tod»

«Stillstand bedeutet Tod»

Christo Dagorov aus Rorschach ist Künstler. Er selbst mag die Bezeichnung nicht sonderlich. Er findet, sie ist etwas abgenutzt. Wie das Wort Liebe. Ein Porträt über einen aussergewöhnlichen Menschen.


Christo Dagorov’s Bildreihe «Lips» verbreitete sich unverhofft wie Lauffeuer im Internet. «Ehrlich gesagt weiss ich nicht, wie es kam, dass die Bilder derart in den Umlauf geraten sind. Das wird wohl ein Rätsel bleiben», sagt Dagorov. Ein Freund habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass seine Arbeiten auf diversen Plattformen aufgetaucht seien. «Ich freue mich sehr darüber, es hat mich aber doch erstaunt, dass es genau diese Bildreihe ist. Sie ist im Zeitrahmen von 2010 bis 2011 entstanden», sagt Dagorov. Fünf Bilder sind es, geplant waren ursprünglich zehn.

«Ich hatte nach dem fünften Bild aber eine neue Idee und deshalb habe ich ‚Lips‘ vorzeitig abgeschlossen», so Dagorov. Es gab viele Reaktionen per Mail, die er längst nicht alle beantworten kann, obwohl er gerne würde. Eins von den fünf Bildern der Reihe nannte er «Authentizität». Die Bäume auf dem Bild formen die Lippen. «Für mich ist etwas authentisch, wenn das Innen und Aussen, wie auch das Oben und Unten miteinander harmonieren und zueinander passen. Die Wurzeln bilden die Unterlippe, die Baumkronen den oberen Teil. Es ist eins», sagt der Rorschacher.

«Wege, die ich noch nicht betreten habe, interessieren mich»

Bei der Bildreihe geht es um Kommunikation. «Viele reden nur, um etwas zu sagen, ohne wirklich etwas zu meinen. Hinter den Worten liegt kein Inhalt», meint Dagorov. In seiner Bildreihe geht es darum, was uns beschäftigt, was wir uns wünschen und von was wir uns ablenken lassen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch all seine Arbeiten. Er ist neugierig, will sich nicht in ihm schon bekannten Gefilden bewegen, sondern immer wieder neues Terrain betreten. Dem Weg, den er eingeschlagen hat, bleibt er treu, betritt dennoch immer neue Pfade und entwickelt sich stetig weiter. «Ohne Veränderung gibt es Stillstand. Stillstand bedeutet Tod. Ich will mich nicht wiederholen, ich möchte weiter wachsen können. Die Wege, die ich noch nicht betreten habe, interessieren mich mehr, als jene, auf denen ich längst war», so Dagorov.

«Nur hübsche Bilder zu malen, ist mir zu flach»

Dagorov hat seine kreative Ader früh entdeckt. Bereits als Kind und Jugendlicher hat er im Zeichnungsunterricht gezeigt, dass er Bilder kreieren kann, die viele in den Bann zu ziehen vermögen. Mit 14 wusste er, dass das Kreieren das ist, was er machen möchte. «Als ich knapp 20 Jahre alt war und mich zu hundert Prozent dem künstlerischen Schaffen widmete, wusste ich, dass mein Interesse nicht darin liegt, hübsche Bilder zu malen. Das war mir zu flach. Mein Ziel ist es, etwas auszusagen, Bilder mit Hintergrund zu kreieren. Die Verantwortung dabei liegt bei mir. Worauf will ich aufmerksam machen und was können die Leute für sich daraus ziehen? Das sind Fragen, die für mich von Anfang an essenziell waren und immer noch sind», sagt Dagorov. Er sagt, er habe im Alter von 18 bis 21 einige Krisen durchgemacht, suchte Sinn und fuhr auf der Achterbahn der Emotionen. «Mit der Zeit hat sich das beruhigt, denn je länger je mehr wurde ich mir bewusst, was es für mich bedeutet, dieser kreativen Tätigkeit nachzugehen», sagt er.

«Wir sind nicht dazu da, nur ein Zahnrad im System zu sein»

Für den Mann, der den Ausdruck Künstler nicht nur von sich weist, sondern regelrecht verabscheut, muss die passende Schublade erst noch erfunden werden. Er lässt sich weder in einen Rahmen zwängen noch in einem Wort erklären. Die Kunst ist für ihn mehr, als ein Ausdruck. «Ich distanziere mich von dem Begriff ‚Künstler‘. Früher habe ich auf die Frage, was ich mache, immer damit geantwortet, dass ich Maler sei. Für mich ist der Begriff Künstler ähnlich stark abgenutzt, wie das Wort Liebe. So viele Menschen nehmen das Wort in den Mund, ohne ihm genug Bedeutung zuzumessen», sagt Dagorov. Er sagt, er sehe sich nicht direkt als Künstler. «Es geht darum, Mensch zu sein und darum, das zu erfüllen, was man als Mensch kann. Wir sind nicht da, um vor uns hinzuvegetieren oder dafür, ein Zahnrad im System zu sein, das zu funktionieren hat», ist Dagorov überzeugt. Für ihn ist das menschliche Dasein mehr durch die Selbstreflektion und die eigene Erzählung, so sagt er, habe man die Möglichkeit, anderen einen neuen Blickwinkel zu ermöglichen oder gar deren Bewusstsein zu erweitern.

Wenn kopiert wird, fehlt der Herzschlag

Dagorov ist ein Mann, der nicht spricht, um die Stille zu füllen. Seine Worte sind bedacht und gut gewählt. Im Wesen ist er ruhig und geduldig. Seine Ansichten sind gefestigt, aber nicht in Stein gemeisselt. Neuen Perspektiven und Meinungen steht er offen gegenüber genauso wie dem Leben selbst. «Ich dränge meine Ansichten niemandem auf. Jeder soll das daraus mitnehmen, was er für richtig hält», sagt Dagorov. Er sagt, es gebe mindestens so viele Ansichten, wie es in der Kunst Techniken gibt. Man könne nicht einfach etwas übernehmen, denn dann fehle der Technik der Herzschlag.

«Jemand kann schon sagen, er orientiere sich an der Technik eines Künstlers. Doch kopieren lässt sich der künstlerische Gedanke dahinter nicht. Es ist schön, wenn man jemandem Perspektiven und Ideen aufzeigen kann umsetzen muss es aber jeder so, wie es für ihn stimmt. Man muss sich fragen, was der Bestand der Idee ist», meint Dagorov. Seine Eltern haben ihren Sohn in seinem Wunsch, freischaffender Künstler zu sein, immer unterstützt. «Sie hätten die Bremse anziehen und sagen können, ich solle zuerst eine Ausbildung machen und mich dann mit der Kunst beschäftigen. Sie haben mich aber stets unterstützt, auch wenn es manchmal Diskussionen gab. Sie merkten aber, ich ziehe es auf Biegen und Brechen durch», sagt Dagorov und schmunzelt.

Freies Denken und Handeln

Dagorov ist in Sofia, Bulgarien, geboren. Im Alter von 7 Jahren verliess er zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder seine Heimat, um in Libyen den Vater zu besuchen, der dort ein bulgarisches Unternehmen leitete. Zu einer Rückkehr kam es allerdings nicht, da der Vater unter anderem für seine Familie in Bulgarien keine Zukunft sah. Eine Entwurzelung war es für Dagorov jedoch nicht; er schloss beim Verlassen Bulgariens mit dem Land ab. Er hat seinen Platz gefunden, ist sehr bewusst im Umgang mit dem Leben und weiss das Glück zu schätzen. Es scheint, als sei Heimat für ihn kein Ort, mehr ein Gefühl. «Ich mache das, was ich mir gewünscht habe und habe das Glück, frei denken zu dürfen. In lipsseries2-10Bulgarien war das nicht möglich. Freie Meinungsäusserungen wären damals nicht denkbar gewesen», so Dagorov. Ein Mann wie Dagorov würde eingehen wie eine Pflanze im Dunkeln, wenn er nicht frei handeln und denken könnte. Sich selbst bezeichnet er als schüchtern, auch wenn er gegen aussen sehr selbstsicher wirkt. «Inzwischen habe ich gelernt, mit meiner Schüchternheit umzugehen und aus mir herauszukommen», sagt er. Die negativen Seiten, die jeder von uns hat, kann Dagorov annehmen. Er sagt, wenn es nicht gehe, sie gänzlich aus seinem Wesen zu verbannen, dann suche er einen Weg, um mit ihnen umzugehen.

Den Kopf in den Wolken

Ziele hat Dagorov viele, doch er strebt nicht nach der Erfüllung eben dieser, sondern lässt es geschehen. «Wenn es anders kommt, war es kein Ziel. Oder aber nur der Weg zu einem ganz anderen Ziel. Schliesst sich eine Tür, geht eine neue irgendwo auf. Mein Anspruch an mich selbst ist, dass ich mit meinen Bildern die Leute sensibilisiere. Sie sollen sich bewusst machen, was um sie herum passiert. Menschen stehen sich oft selbst im Weg, sie verhindern das, was eine Weiterentwicklung ermöglichen würde. Der Fokus der Menschen liegt vermehrt auf Dingen, die das Leben nicht ausmachen», sagt Dagorov. Der Künstler, der sich selbst lieber Maler nennt, steht mit beiden Beinen im Leben und hat den Kopf hoch oben über den Wolken. Dort, wo man die Träume mit beiden Händen greifen und an sich nehmen kann.

www.christodagorov.com

 

Publikation: Bodensee Nachrichten

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